„Der Irak ist kein sicheres Land“ Predigt zu Reminiszere im Berliner Dom
Prälatin Anne Gidion, Bevollmächtigte des Rates der EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union
Die Predigt nachhören: Mediathek Berliner Dom

Prälatin Anne Gidion, Bevollmächtigte des Rates der EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union.
Liebe Gemeinde,
Gott schenke uns ein Herz für sein Wort und ein Wort für unser Herz.
„Überleben im Zweistromland“ – so heißt ein Buch, besser: das Werk, das der Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz in nur vier Jahren parallel zu seinem herausfordernden Full-Time-Job geschrieben hat. Der volle Titel lautet: „Iraks christliches Erbe. Vom Überleben im Zweistromland.“ Letzte Woche wurde es in der Apostolischen Nuntiatur vorgestellt. Der Rahmen für das Buch – deshalb der Vorstellungsort – war eine Reise von Papst Franziskus. Dieser hatte genau vor vier Jahren den Irak besucht – mitten in der Pandemie, als alle lieber zu Hause blieben. Er hat die Weltaufmerksamkeit auf dies gebeutelte Land zwischen Euphrat und Tigris gerichtet. In Ur in Chaldäa, einem biblischen Ort, der Heimat von Abraham, hat der Papst den dortigen Großayatolla getroffen und um Frieden gebetet. Er hat die Fernsehkameras dazu gebracht, den Wiederaufbau des Landes zu zeigen – wenige Jahre nur, nachdem der IS diese zentralen Ursprungsorte der jüdisch-christlichen Kultur brutal zerstört hatte und die Menschen, die dort beteten, zu Zehntausenden hingemetzelt.
Überleben im Zweistromland. Dort ist auch heute kein Frieden. Die kleinen Minderheiten – Christen, Eziden, Chaldäer und viele andere – geraten zwischen die Fronten von Sunniten und Schiiten. Die Jahre und Jahrzehnte der Gewalt haben tiefe Wunden geschlagen in die Landschaft und die Seelen. Der Irak ist heute kein sicheres Land.
Ur in Chaldäa – Geburtsort von Abraham mit ersten Hinweisen auf Stadtgründung von 4000 vor Christus. Zentraler Schauplatz von Religion und Kultur im Zweistromland. Ur in Chaldäa – Ursprung von Kultur und Bildung und Gottesverehrung in einem. Als Abrahams Heimat zugleich Heimat der drei großen Weltreligionen. Mittendrin haben die religiösen Führer enorme Verantwortung.
Reminiszere. Gedenke, Gott. Gedenke Deiner Barmherzigkeit.
Gedenke, Gott. Mit der flehentlichen Bitte des Reminiszere-Sonntags nimmt die Fastenzeit langsam Fahrt auf. Es tut gut, finde ich. Gerade in diesem Jahr. Sich zu fokussieren. Abstand zu gewinnen zwischendurch. Bewusst einen Schritt zurückzutreten, und den Blick zu richten auf andere Teile der Welt. Einen Moment zurückzutreten vom politischen Berlin – oder von dem, was Sie gerade auf dem Herzen haben.
Im Mittelpunkt des Sonntags Reminiszere steht wie seit vielen Jahren ein Land – und ein biblischer Textraum. Im Zentrum in diesem Jahr eine denkwürdige, eigenartige Nachtgeschichte, wir haben sie gehört. Zwischen Jesus und dem jüdischen Lehrer Nikodemus. Der fragt Jesus: Wie geht ewiges Leben? Und Jesus antwortet in seiner eigenen Art, die immer neue Fragen aufwirft, er spricht vom Geist, der weht, wo er will, und vom Neu geboren werden. Er macht den Blick weit für die Glaubensgeschichte vor ihm:
Joh 3, 14-17
14 Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat,
so muss der Menschensohn erhöht werden,
15 damit jeder,
der glaubt,
in ihm ewiges Leben habe.
16 Denn so hat Gott die Welt geliebt,
dass er seinen einzigartigen Sohn gab,
damit jeder, der an ihn glaubt,
nicht zugrunde gehe,
sondern ewiges Leben habe.
17 Denn Gott hat den Sohn nicht in die Welt gesandt,
um die Welt zu richten,
sondern dass die Welt durch ihn gerettet würde.
Was für Antworten! Und das mitten in der Nacht!
Es gibt Menschen, die legen sich hin und schlafen. Für andere ist die Nacht die Zeit der Sorge. Wenn der Schlaf nicht kommt, kommen die Gedanken in eigener Logik.
Wenn sich Dunkel über die Erde legt, öffnet sich ein anderer Raum für Gespräche. Oder für Nachtgespenster. Für das phantastische und furchtbare Niemandsland zwischen Ängsten, Träumen, Sehnsüchten. Unterm Mond verquirlen sie sich – in den Nachtstunden wird das Leise laut und das Laute leise. In die Nacht hinein stellt Nikodemus Fragen. Und Jesus antwortet in seiner Art.
Ich stelle mir vor: Die beiden sitzen in der Wüste, oder auf dem Dach des Hauses oder am Küchentisch. Der eine fragt und der andere greift tief in Grammatik der Thorabilder und spricht von der erhöhten Schlange. Die an ein Kreuz befestigte Schlange war ein wichtiges Zeichen, als das Volk Israel die Wüste durchquerte mit Moses. Erhöht wird auch Jesus später – am Kreuz, brutal. Jesus weiß das schon – so klingt es beim Evangelisten Johannes immer wieder an. Alles, was Jesus sagt, hat das Ende im Blick. Und den Blick darüber hinaus auch. Hinterm Horizont geht’s weiter.
Und Jesus antwortet weiter, rätselhaft, eigen-artig: Warum gehen die Menschen nicht zugrunde? Weil: So sehr, so heftig, so bedingungslos, eben genau so, wie nur er es kann, hat Gott die Welt geliebt, dass er sich selbst als seinen einzigartigen Sohn gab. Damit die Menschen ihm glauben und an ihn glauben. Gott ist geworden wie wir, damit wir nicht werden müssen wie Gott. Und Menschsein, dieses Menschsein, das eine vollkommen neue Erfahrung für Gott ist, das gibt’s nur als vulnerables, als verletzbares Leben. Und als vulnerantes, als verletzendes Leben. Aber in der tiefsten Nacht wohnt Gott. Gerade in der Nacht kennt Gott sich sehr gut aus. Und macht die Nacht … hell.
Johannes lässt Jesus Erhellendes sagen:
Joh 3, 18-21
18 Wer an Gott glaubt, wird nicht gerichtet,
Wer aber nicht glaubt, ist schon gerichtet,
denn er glaubt nicht an den Namen des einzigen Sohnes Gottes.
19 Das aber ist das Gericht,
dass das Licht in die Welt gekommen ist,
aber die Menschen die Finsternis mehr liebten als das Licht,
denn ihre Werke waren böse.
20 Denn jeder, der Schlechtes tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Werke nicht offenbar gemacht werden.
21 Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht,
damit seine Werke offenbar gemacht werden,
dass sie in Gott getan sind.
Jesus zeichnet mitten in die Nacht eine Perspektive aus Licht. In ganz eigener Johannesevangeliumssprache, die immer etwas Geheimnisvolles hat. Die schon mehr weiß vom Leben in den Generationen nach dem Tod von Jesus. Die schon Übung hat, Menschen bei der Stange zu halten, die niemand mehr kannten, der jemand kannte, der noch Jesus gekannt hatte. Jesus redet vom Licht und vom Gericht. Er trennt Licht und Finsternis, Böses und Gutes. Und gibt denen etwas zum Hoffen, die im Dunkeln nach Zukunft tasten.
Mich tröstet das Nachtgespräch zwischen den beiden, die um Licht ringen. Gerade in dieser Zeit. Ich bete mit allen, die mitten im Krieg und mitten in brutaler Gewalt gegenan lieben gegen das Böse und aufbauen und weitermachen und Verletzte bergen und die Hoffnung wachhalten.
Mich berührt auch eine Erzählung vom Syrisch-Orthodoxen Erzbischof Nicodemos Daoud Matti Sharaf – ein Nikodemus wie der in unserer Erzählung. Er war der letzte Christ, der Mossul bei der Eroberung durch den IS 2014 verlassen hat.
Mittlerweile hat er in Erbil seine Residenz. Er erzählt: Nur 300 Meter trennten ihn damals noch vom IS. Irakische Soldaten hätten ihn zu seinem Schutz förmlich in ein Auto gezwungen, um aus der Stadt zu fliehen. Fünf Minuten bleiben ihm. Was kann er noch mitnehmen?
Er entscheidet sich für die sieben wertvollsten Handschriften seiner Kirche. In weiser Voraussicht hat er sie schon einige Zeit vorher in eine Holzkiste gepackt und neben sein Bett gestellt. Die Christen von Mossul hätten zwar ihr Leben retten können, mussten aber so unendlich viel verloren geben, sagt er. 350 kostbare Handschriften waren dabei. Nach der Befreiung Mossuls 2017 konnten davon 100 wiedergefunden werden. 250 waren vom IS zerstört oder auf dem Schwarzmarkt zu Geld gemacht worden. Zerstörte Geschichte, vernichtete Identität.
In Erbil holt Nikodemus der Erzbischof zwei der sieben in der Holzkiste geretteten Schriften aus dem Tresor und zeigt sie seinen Besuchern (aus Berlin waren einige vor ein paar Jahren dort). Vorsichtig blättert er darin, schlägt die besonders kunstvollen Seiten auf und streicht liebevoll darüber. Die brutalen Erfahrungen im Juni 2014 waren die härtesten Momente seines Lebens, sagt er. Demütigend. Zutiefst kränkend.
Selbst in den schlimmsten Zeiten unter der Herrschaft von Mongolen und Tartaren haben Christen in Mossul ihren Glauben weitergelebt, beschreibt er. Der brutale IS hat nach 1800 Jahren in Mossul das Gebet beendet. Totales Dunkel. Kein Licht mehr. Menschen wurden ermordet. Und auch Orte kann man hinrichten.
Nach 2017 beginnt der Wiederaufbau in Irak. Aus den Trümmern von Mossul erstehen die Kirchen langsam wieder auf. Menschen beginnen, neue Hoffnung zu schöpfen. Sich an alte Worte zu erinnern und ihr Sprechen neu zu lernen. Die Nacht abzustreifen. Licht zu sehen. Über den Horizont hinaus.
Ja: Auferstehung ist möglich. Auch wenn die Ninive-Ebene heute von rivalisierenden Milizen beherrscht wird. Die wollen keinen Frieden, sondern Macht durch eine Balance aus Furcht und Gewalt.
Und jetzt sehen wir mit Angst zum Nachbarn Syrien. Ermorderte Alewiten und Christen. Rache und Vergeltung gefährden jeden guten Wiederaufbau von Staatlichkeit.
Schon jetzt gibt es schlimmste Massaker. Was wird aus Syrien in den kommenden Wochen und Monaten? Kommen die Verbrecher aus den syrischen Gefängnissen wieder zurück? Tobt wieder das Gericht – und blühen nicht zugleich das Leben und die Vielfalt?
Reminiszere. Erinnere Dich, Gott. An die vielen Formen, Glauben zu leben. An die Angst so vieler, auch der vielen kleinen religiösen Gemeinschaften wie die Eziden. Ich freue mich so, dass Sie extra aus Gießen zu uns gekommen sind, lieber Herr Celik.
Erinnere dich, Gott, und dann handele.
Der Irak ist ein gebeutelter Landstrich und zugleich Wiege des Christentums und der Kultur. Wir beten für die Menschen im Irak und anderen Teilen der Welt: Frieden ist untrennbar verbunden mit Gerechtigkeit und Wahrheit. Leid muss benannt werden. Kriegsverbrecher müssen verfolgt werden – und nur ganz langsam kann dann Vertrauen wieder wachsen.
Heilung kann durch Gerechtigkeit geschehen.
Durch Wiedergutmachung statt durch Vergeltung.
Kirchen fördern das durch Zusammenarbeit mit Zivilgesellschaft. Fördern Dialog und Erinnerung. Behutsam. Nicht nach westlichem Vorbild, keine Kopie unserer Welt. Sondern in eigener Würde und Größe, von Gott gesehen und in seinem Licht.
Jesus hat es Nikodemus in seinen Worten und seinem Leben gezeigt. Und Bischof Nikodemus hat es erlebt: Die Wunden bleiben. Aber Auferstehung ist möglich
Der Sonntag Reminiszere ist genau dafür da: Erinnern. Innehalten. Rückwärts und vorwärts schauen. Gedenken und Bewahren. Und zugleich glauben und vertrauen, dass es neue Wege gibt. Dass es Auferstehung gibt – hier und heute. Auch für diese geschundene Region und für die Glaubensgeschwister dort. Für alle.
So sehr liebt Gott die Welt. Verletzbar wie sie ist. So verletzlich ist er geworden.
Für uns.
Heute und immer.
Amen.