Das Neue in der Bibel

Serie „Best of Bible“

Alt und neu: Ein sehr plakativer Gegensatz, der die Wirklichkeit oft erhellt. Die aber besteht oft aus Zwischenformen: In das Alte mischt sich Neues, das Neue ist noch vom Alten durchdrungen. Was zeigt: Die Trennung alt/neu ist willkürlich. Auch das jeweils neue Jahr entpuppt sich oft als Fortführung des alten.

Jemand steht auf einem Felsen und sieht in der Ferne in den Wolken eine Stadt unter einem Regenbogen: das neue Jerusalem

Das neue Jerusalem unter einem neuen Himmel, auf einer neuen Erde. Freskenentwurf von Gebhard Fugel (1863-1939): Bilder zur Apokalypse (1933).

Neue Kräfte, neue Herzen 

All jenen, die mutlos und ohne Hoffnung ins neue Jahr gehen, verheißt Gott neue Energien. Nicht Mars macht mobil, sondern „die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“ Das gilt nicht nur für Einzelne, sondern für die Massen: „Die Völker werden neue Kraft gewinnen!“ An anderer Stelle heißt es, dass Gott ein „neues Herz und einen neuen Geist“ geben wird. Eine ähnliche Vorstellung der Erneuerung des Menschen findet sich in der frühen Christenheit. „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur“, sagt Paulus.

Zitat: „Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2. Korinther 5,17); weitere Bibelstellen Jesaja 40,31; 41,1; Hesekiel 36,26

Neuer Wein in alten Schläuchen

Andere Zeiten, andere Weinbehältnisse: In biblischen Zeiten wurden Flüssigkeiten, auch Wein, in Lederschläuchen aufbewahrt. Da der Wein noch gärte und sich ausdehnte, mussten die Schläuche neu sein, „sonst zerreißen die Schläuche und der Wein wird verschüttet und die Schläuche verderben“. Jesus verwendet dieses Alltagwissen auch für ein Gleichnis, mit dem er vermutlich den Unterschied seiner Auslegung des jüdischen Gesetzes zur pharisäischen verdeutlichen will: „Man füllt nicht neuen Wein in alte Schläuche. Sondern man füllt neuen Wein in neue Schläuche, so bleiben beide miteinander erhalten.“ Im selben Zusammenhang benutzt Jesus ein weiteres Beispiel aus dem Alltag: Niemand flickt einen Lappen von neuem Tuch auf ein altes Kleid; sonst reißt der neue Lappen vom alten ab und der Riss wird ärger.

Zitat: „Neuen Wein soll man in neue Schläuche füllen.“ (Matthäus 9,17); weitere Bibelstellen Markus 2,21f.; Lukas 5,37f.; Josua 9,13

Es gibt nichts Neues! 

„Alles schon mal dagewesen!“ Solche Sprüche hört man an Stammtischen, aber auch in den Stuben bürgerlicher Genügsamkeit. Sämtliche neue Nachrichten werden mit alten Erfahrungen zusammengewürfelt und in die Erkenntnis gepresst: „Es gibt nichts Neues unter der Sonne!“ Die wiederum findet sich in der Bibel und ist wirklich eine Weisheit. Denn sie stammt aus einer Zeit, in der die sogenannte „Weisheitsliteratur“ entstand, etwa im ersten vorchristlichen Jahrhundert. Das Buch „Jesus Sirach“ zählt dazu, das Buch „Weisheit Salomos“ und das Buch „Der Prediger Salomo“, auch „Kohelet“ genannt. Es gibt nichts Neues, nirgends, steht darin, „die Sonne geht auf und geht unter… der Wind geht nach Süden und dreht sich nach Norden und wieder herum an den Ort, wo er anfing, alle Wasser laufen ins Meer, doch wird das Meer nicht voller; an den Ort, dahin sie fließen, fließen sie immer wieder.“ Wie die Naturgewalten, wiederhole sich auch das menschliche Handeln stets: „Was man getan hat, eben das tut man hernach wieder“. Wer sich von diesen Passagen der Bibel deprimieren lässt, sollte schnell zu den Propheten weiterblättern.

Zitat: „Was geschehen ist, eben das wird hernach sein.“ (Prediger 1,1-10)

Jeden Morgen neue Güte

Manche Menschen mögen morgens nicht gerne aufstehen. Missmutig oder ängstlich schälen sie sich aus den Federn, vielleicht noch voll von Gram und Grübeleien über Geschehenes. Dabei gilt doch Zusage: „, und deine Treue ist groß.“ Sie hat Gläubige vor 3000 Jahren getragen wie die Menschen im dritten Jahrtausend. Also darf man sich getrost den Schlaf aus den Augen reiben und auf Gottes Zusage hoffen: „Ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr's denn nicht?“

Zitat: „Die Güte des Herrn ist alle Morgen neu.“ (Klagelieder 3,23f.); weitere Bibelstelle Jesaja 43,19

Die neue Lehre Jesu

Ist die Lehre Jesu wesentlich anders als die des Judentums zu seiner Zeit? Übertrifft oder vollendet das „Neue“ das „Alte“ Testament? Auch darüber streiten sich Theologen. Glaubt man den Evangelien, so hat Jesus seine Lehre als neu bezeichnet: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt.“ Das Neue seiner Lehre merkte auch das Volk, das munkelte: „Was ist das? Eine neue Lehre in Vollmacht!“ Schließlich sprach Jesus beim letzten Mahl mit seinen Jüngern vom „neuen Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird.“ Paulus, einst strenger pharisäischer Jude, bereut, er habe „die neue Lehre verfolgt bis auf den Tod“. Dass die christliche Lehre ganz neu ist, nimmt der 1. Johannesbrief etwas zurück. „Ich schreibe euch nicht ein neues Gebot, sondern das alte Gebot, das ihr von Anfang an gehabt habt. Das alte Gebot ist das Wort, das ihr gehört habt.“

Zitat: „Eine neue Lehre in Vollmacht!“ (Markus 1,27); weitere Bibelstellen Johannes 13,34; Apostelgeschichte 22,4; 1.Korinther 11,25; 1.Johannes 2,7

Dem Herrn ein neues Lied singen

„Singet dem Herrn ein neues Lied!“ Dies ist der Lieblingsbibelstelle unzähliger Kirchenmusiker. Derer, die nur altes Liedmaterial nutzen. Noch mehr derer, die sich dem „neuen geistlichen Lied“ verschrieben haben oder unentwegt Gospelchöre gründen. Leider unterschlagen sie meistens den weiteren Wortlaut des Psalms, der die Begründung für die Aufforderung zum Singen enthält: „… denn er tut Wunder. Er schafft Heil mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm.“ So weit, so gut – wenn man nicht im Buch der Offenbarung weiterliest, in dem der merkwürdige Text des „neuen Liedes“ vorgestellt wird:  „Du bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen.“ Das klingt ganz anders als „Oh happy day“…

Zitat: „Halleluja!“ ; Bibelstellen Psalm 33,3; Psalm 40,4; Offenbarung 5,9

Ein neuer Himmel, eine neue Erde

Gott hat die Welt erschaffen – doch leider entwickelte sie sich nicht nach seinen Wünschen. Aus theologisch heiß umstrittenen Gründen lebten die Menschen nicht nach den Geboten Gottes, ihres Schöpfers. Auf diese Weise entstand die Sehnsucht, dass Gott eine die Erde neu erschaffen könnte. „Tu neue Zeichen und Wunder“, bittet Jesus Sirach. Und dem Propheten Jesaja zufolge verheißt Gott: „Siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.“ „Du machst neu die Gestalt der Erde“, bedankt sich der Psalmist bei Gott. Dennoch müssen die Menschen Geduld haben, meint der 2. Brief des Petrus: „Wir warten auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.“

Zitat: „Du machst neu die Gestalt der Erde.“ (Psalm 104,30); Weisheit 11,18; Jesaja 65,17; Jesus Sirach 36,6; 2. Petrus 3,13

Uwe Birnstein


Zum Weiterlesen:

Günther Thomas: Neue Schöpfung. Systematisch-theologische Untersuchungen zur Hoffnung auf das „Leben in der zukünftigen Welt“, Neukirchen-Vluyn 2009