Nutztier und Mitgeschöpf!

Tierwohl, Ernährungsethik und Nachhaltigkeit aus evangelischer Sicht. Ein Impulspapier der Kammer für nachhaltige Entwicklung, EKD-Text 133, September 2019

Vorwort

Fragen des Tierwohls und der Tierethik gehören mit zu den am meisten diskutierten Kontroversfragen unserer Gesellschaft. Bilder von Tieren, die in Massentierhaltung Qualen leiden oder massenweise getötet werden (zum Beispiel beim Vorgang des »Kükenschredderns«), wecken starke Emotionen. Sachliche Diskussionen werden dadurch eher schwerer. Klar ist jedenfalls: Für das Tierwohl sind nicht nur Landwirte und Agrarpolitik verantwortlich, auch die Verbraucher tragen als Konsumenten tierischer Produkte Verantwortung.

Auch für die Kirchen sind Fragen des Tierwohls und der Tierethik von hoher Bedeutung, geht es doch um Grundfragen des Verhältnisses von Mensch und Tier, das aus christlich-ethischer Perspektive ein Verhältnis der Mitgeschöpflichkeit ist. Menschen und Tiere sind Geschöpfe Gottes, sie tragen beide den gleichen von Gott geschenkten Lebensatem (Ps 104,10–18). Menschen und Tiere stehen beide unter den Segensund Schutzverheißungen Gottes (Gen 9,16). Die biblischen Friedensvisionen für eine neue Welt schließen die Tiere ausdrücklich mit ein (Jes 65,17 ff). Diese biblische Perspektive der engen Verbundenheit von Mensch und Tier haben sowohl die Schöpfungstheologie als auch der konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in den 1980er Jahren mit guten Gründen nachdrücklich unterstrichen.

Obwohl das Thema Tierwohl und Tierethik eine so hohe Relevanz in der Gesellschaft hat, haben sich die Kirchen sehr lange nicht mehr dazu geäußert. Die letzte Verlautbarung der EKD dazu mit dem Titel »Zur Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf« stammt aus dem Jahr 1991. Auch in der theologischen Ethik und in der Diskussion der weltweiten Ökumene wurden in den letzten zwanzig Jahren die Fragen der Tierethik kaum behandelt. Es ist also höchste Zeit für die Evangelische Kirche in Deutschland, diese Leerstelle zu füllen und damit auch für die innerkirchlichen wie gesellschaftlichen Diskussionen in Deutschland und der weltweiten Ökumene weiterführende Anstöße zu geben.

Einen wichtigen Impuls auch für die evangelischen Kirchen hat Papst Franziskus 2015 mit seiner Enzyklika »Laudato Si« gesetzt, in der er den verhängnisvollen Anthropozentrismus der Gegenwart anprangert und den Eigenwert der Tiere ausdrücklich hervorhebt.

Das vorliegende Impulspapier argumentiert aber nicht nur ethisch-theologisch. Hinter den vielen aktuellen Beispielen von Herausforderungen in der Nutztierhaltung stehen komplexe Gesamtzusammenhänge und grundsätzliche ethische Anfragen im Spannungsfeld zwischen Agrarwirtschaft, Tierethik, Tiermedizin, Wirtschaftlichkeit und Ernährungskultur. Es war deshalb der Auftrag des Rates der EKD an die Kammer für nachhaltige Entwicklung im Jahre 2018, sich nicht nur mit wichtigen Einzelfragen und Regelungsbereichen zu befassen, sondern auch die grundsätzlichen Fragen des Verhältnisses zwischen Mensch und Tier zu beleuchten, wie sie insbesondere im Diskurs über neue Ansätze der Nutztierethik reflektiert werden.

Die Kammer hat diese Arbeit im Jahr 2018 durchgeführt und im Februar 2019 abgeschlossen und legt ihre Ergebnisse in diesem Impulspapier mit fünf Abschnitten vor:

  • Im ersten Kapitel werden grundlegende biblisch-theologische Perspektiven zum Verhältnis zwischen Mensch und Tier entfaltet.
  • Im zweiten Kapitel wird der Wandel des Verhältnisses zwischen Mensch und Tier im Kontext der Entwicklung von kleinbäuerlicher Hausund Subsistenzwirtschaft hin zu der industrialisierten und durchrationalisierten Tierhaltung in der modernen Landwirtschaft im nationalen Kontext Deutschlands beschrieben.
  • Im dritten Kapitel werden die Zusammenhänge und Auswirkungen der globalisierten Landwirtschaft und Fleischproduktion auf Weltebene in den Blick genommen.
  • Im vierten Kapitel werden kirchliche Beiträge zu einer verantwortlichen Mensch-Tier-Ethik in verschiedenen Handlungsfeldern und Ethikbereichen vorgestellt.
  • Im fünften Kapitel erfolgt ein Ausblick auf verschiedene Lernorte für eine neue Mensch-Tier-Beziehung in Kirche und Gesellschaft anhand von exemplarischen Lernorten in Kirche und Gesellschaft.

Das Impulspapier wird abgeschlossen mit einer Zusammenfassung sowohl von Kernsätzen landwirtschaftlicher Nutztierethik wie Richtungsimpulsen für politische Forderungen im deutschen, europäischen und globalen Kontext.

Was für die Autorengruppe während des Erarbeitungsprozesses wichtig war, gilt zugleich für die erhoffte Wirkung dieses Impulspapieres. Es ist Ausdruck eines tiefergehenden, herausfordernden und bereichernden Lernund Dialogprozesses mit Blick auf den Zusammenhang von Tierethik, agrar-ökologischen Reformschritten und globaler Entwicklungsbzw. Nachhaltigkeitsproblematik. Vier Stichworte kennzeichnen den Arbeitsprozess, der zu diesem Impulspapier geführt hat, ebenso wie die durch es intendierte Wirkung:

  • Das Impulspapier ist multiperspektivisch: Die Arbeit an diesem Text hat gezeigt, dass es bei dieser Thematik um eine sorgfältige Verknüpfung ganz verschiedener Aspekte und neuer Einsichten geht, aus Biologie, Tiermedizin, Agrarökologie, Ernährungswissenschaft ebenso wie der Entwicklungspolitik, der Nachhaltigkeit und der Theologie.
     
  • Das Impulspapier will diskursfördernd wirken: Wir stehen mitten drin in einer sich verbreiternden Debatte über einen kulturellen Transformationsprozess in unserer Gesellschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit und tierethisch-ökologischer Verantwortlichkeit. Diese Studie kann viele der aufgeworfenen Detailfragen nicht abschließend beantworten, wohl aber will sie auch die unangenehmen und schwierigen Fragen benennen und zu einem ehrlichen Dialog über die Grundfragen von Tierhaltung, Konsummustern, globalisierter Fleischproduktion und Ernährungsstilen einladen. Deshalb hat die Kammer Grundgedanken dieser Studie bereits im Vorfeld mit dem Deutschen Bauernverband, dem Deutschen Landfrauen-Verband und der deutschen Landjugend diskutiert.
     
  • Das Impulspapier geht von einem Multiakteursprinzip aus mit Blick auf die Verantwortung für verbesserte tierethische und ökologische Standards: Es geht nicht darum, dass nur eine Gruppe (etwa die Bauern) allein für eine verantwortliche Mensch-Tier-Ethik verantwortlich ist, sondern viele Akteure in unterschiedlichen Handlungsfeldern.
     
  • Das Impulspapier zielt schließlich auf die Ermöglichung und Vertiefung einer Lernbewegung: Es werden vielfältige Lernorte für eine neue Mensch-Tier-Ethik identifiziert, die auf nationaler wie globaler, auf kirchlicher wie gesellschaftlicher Ebene weiterentwickelt werden kann.

Was im Blick auf das Mensch-Tier-Verhältnis im Kontext unserer modernen Zivilisation ansteht, ist nach Auffassung der Kammer für nachhaltige Entwicklung nichts weniger als ein umfassender zivilisatorischer Umlernprozess, der dem Prozess der Dekarbonisierung unserer Weltwirtschaft in nichts nachsteht. Er braucht vielfältige Beteiligung, Ermutigung und grenzüberschreitenden Dialog in allen Bereichen von Kirche und Gesellschaft. Er steht zugleich in der Ermutigung und Verheißung, dass es niemals zu spät ist, wenn Menschen sich auf das besinnen, was Gott in seiner Güte zu dieser Schöpfung gewollt hat für diese Welt, die Menschen wie die Tiere: »Alles, was Odem hat, lobe den Herrn« (Ps 150,6).

Im Mai 2019 hat der Rat der EKD das vorliegende Impulspapier mit Anerkennung und Dank einstimmig verabschiedet. Ich danke den Mitgliedern der Kammer für nachhaltige Entwicklung für die Erarbeitung dieses fachlich fundierten und zugleich ethisch orientierenden Textes und wünsche ihm eine vielfältige und starke Resonanz.

Hannover, im September 2019

Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm
Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland

Nutztier und Mitgeschöpf!

EKD-Text 133, 2019

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